amruniel: (corsage)
[personal profile] amruniel
Story: Life is a journey (German)
Author email: amruniel @ hotmail . com
Disclaimer: Bis auf vielleicht ein paar Figuren, die ich selber erfinde [und ja, die Hauptperson entspringt meiner Phantasie, auch wenn der Name schon bekannt ist!], gehört alles Tolkien höchst persönlich. Ich bin nur eine arme Studentin, die sich zwar gerne ihr Geld mit dem Schreiben verdienen würde, aber an dieser FF hier verdiene ich genau gar nichts.
Rating: PG13 wenn anders separat gekennzeichnet
Pairing: Legolas/OC
Summary: Ein Mädchen erwacht nach einem Unfall in Mittelerde und findet sich mitten im Ringkrieg wieder... was für Probleme bringt ein extravagantes Ballkleid in Mittelerde mit sich  und andere Fragen werden beantwortet ;)


Chapter 28



Das Abendessen war auch ein Erlebnis für sich.

Ich hatte ja in Lórien schon einige offizielle Essen mitgemacht und war mit den elbischen Gepflogenheiten hinlänglich vertraut, so dass ich ohne große Scheu hinter Arwen durch die scheinbar unendlichen Gänge Bruchtals lief.
Was konnte hier schon groß anders sein, als das, was ich bei meiner Tante erlebt hatte?!

 
Das hier irgendwie ALLES anders war, merkte ich, sobald sich die Türen des Speisesaals vor mir öffneten.
“Wer von euch hat hier bitte die Arthus-Sage gelesen?“
Meine erstaunten Worte ließen die Köpfe aller schon versammelten Elben zu mir herumschnellen. Und bei den Valar… das waren verdammt viele!

 
Ich spürte, wie meine Ohren ein weiteres Mal den Contest um die hübscheste Tomatenfarbe gewannen, während ich mich von Arwen durch die starrende Menge ziehen ließ.
Toll gemacht… jeder verdammte Einwohner Bruchtals hatte mit meiner Eigenschaft zu sprechen, ehe ich nachdachte, Bekanntschaft gemacht – und ich war noch keine 6 Stunden hier.
Wundervoll… -DAS musste man mir erst mal nachmachen…

 
Aber um auf meine Ausgangsfrage zurück zu kommen – Tolkien hatte entweder eine andere Version dieser Halle gesehen, oder schlicht und ergreifend die ganze Sache in einem Anfall von künstlerischer Freiheit umgedichtet.
So ganz persönlich tippte ich ja auf Version Nummer zwei – der gute Herr wollte sich wohl einfach nicht vorhalten lassen, aus Ideenmangel in der Sagenwelt geklaut zu haben…

 
Tatsache war – diese Idee der Inneneinrichtung gab es schon mal…
Eine große, runde Tafel stand in der Mitte des Raumes und um sie waren genug lange Tische gruppiert, um hier eine durchschnittliche Armee samt Familie und Freunden zu bewirten und trotzdem noch genug Platz zu haben, um wilde Rave-Parties in den Zwischenräumen zu feiern.

 
Später sollte ich erfahren, dass dieser Raum auch als Ballsaal diente – daher die großzügigen Maße.
Derzeit war etwa 1/3 der Tische gedeckt und von Elben jedes Alters besetzt.

 
Erst als Arwen mich auf einen der Stühle gedrückt und sich neben mir niedergelassen hatte, kam ich dazu, die runde Tafel, an der wir nun saßen unter die Lupe zu nehmen.
Mir gegenüber saß Elrond, links neben ihm Glorfindel (wenigstens in diesem Punkt hatte Tolkien nichts geändert), an Elronds rechter Seite saß ein schwarzhaariger Elb, der mir vage bekannt vorkam und dessen Identität sich durch die zwei Elben neben ihm, die mir freundlich zuwinkten, schnell klärte – es handelte sich um Erestor, den Vater der Zwillinge.
Alagos und Gilívor gegenüber saß ein weiteres Paar identisch aussehender, männlicher Elben, die ich als Elladan und Elrohir identifizierte.
Der Stuhl neben Arwen war mit dicken Kissen übersäht und zurzeit noch leer.

 
„Da wir nun bis auf Bilbo, der in der Halle des Feuers auf uns stoßen wird, vollzählig sind, möge das Mahl beginnen…“
Kaum hatte Elrond fertig gesprochen, öffneten sich Seitentüren der Halle und einige junge Elben begannen das Essen herein zu bringen.

 
Während die Speisen aufgetragen wurden, machte mich Arwen mit den mir noch nicht offiziell vorgestellten Elben bekannt.
Das Erste auffällige für mich war der Ton an Elronds Hof.
Alles schien hier lockerer und informeller zu sein, als ich es von Lórien gewohnt war. Und selbst bei Galadriel war es mehr ein Miteinander, als eine Monarchie gewesen.

 
Irgendwann zwischen Hauptspeise und Dessert fand ich endlich die Zeit, den Herrscher Bruchtals genauer zu betrachten.
Er war in ein hitziges Gespräch mit seinen Beratern verstrickt und so konnte ich meine neugierigen Blicke unbemerkt über ihn wandern lassen – es wäre doch unhöflich und vor allem höchst peinlich gewesen, hätte der Halbelb mitbekommen, wie ich ihn musterte.

 
Elronds Gesicht war zeitlos, nicht alt und nicht jung, doch stand die Erinnerung an viel Freund und Leid darin geschrieben.
Sein Haar war dunkel wie Schatten im Zwielicht und mit einem silbernen Reif gekrönt, seine Augen waren grau wie ein schöner Abend, und aus ihnen schimmerte ein Licht wie von Sternen.

 
An der ganzen Veranstaltung gier war nur eine Sache genauso, wie in Lothlórien… das Abendessen war der Auftakt zu einem kollektiven Besäufnis.
Als Arwen den Elben, die um unseren Tisch verteilt waren, um uns jeden Wunsch von den Augen abzulesen, deutete, meinen Weinkelch ein weiteres Mal zu füllen – war das nun das fünfte oder doch schon das sechste Glas?! – stieg in mir die Erinnerung an mein erstes Abendmahl mit Galadriel und ihrem Hofstaat hoch.

 
Man konnte nur hoffen, dass dieses Gelage nicht wieder in einer Ohnmacht meinerseits nach Enthüllungen sexueller Präferenzen anderer Elben, endete.
Allerdings – was sollte ich schon in dieser Hinsicht erfahren?
Glorfindel und Arwen waren beide so heterosexuell, wie es nur ging… und selbst wenn nicht, hatte ich nicht vor, mit einem der Beiden –in Glorfindels Fall wieder- im Bett zu landen…

 

~oOoOoOo~

 
Im Bett landete ich in dieser Nacht tatsächlich nicht mehr…
Nachdem Arwen und ich uns freiwillig gemeldet hatten, Gilívor und Alagos in ihre Betten zu verfrachten und diese Aufgabe erfolgreich hinter uns gebracht hatten, beschlossen wir, den Besuch in der Halle des Feuers auf einen anderen Abend zu verschieben und uns stattdessen noch eine Flasche Wein zu besorgen und den Abend unter freiem Himmel ausklingen zu lassen.

 
Scheinbar waren wir nicht die einzigen mit dieser glorreichen Idee, denn im –mehr als gut gefüllten- Weinkeller Elronds trafen wir auf seine Söhne und unsere persönlichen Balrogtöter.
So kam es, dass wir mit weit mehr als einer einzigen Flasche ausgestattet die nächtlichen Plätze des bruchtaler Gartens eroberten.

 
Man kann sich vorstellen, wie diese Nacht endete, doch noch war es zu früh, an den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am nächsten Morgen auftretenden Kater zu denken.

 
Dazu war das Hier und Jetzt wesentlich zu amüsant.
Um nicht zu sagen interessant.
Bisher waren Legolas, Inwé und Haldir die einzigen jungen Elben gewesen, die ich kennengelernt hatte und bei ihnen, wie auch den Elrond-Kindern war jung ein sehr relativer Ausdruck.

 
Aber Tatsache war, dass ich hier zum ersten Mal junge Elben in Gemeinschaft erlebte – Legolas war bekanntlich der einzige Elb unter den Gefährten, Haldir hatte ich zu kurz gekannt, um ihn im Umgang mit Seinesgleichen beobachten zu können und Inwé und ich hatten zwar einige Zeit miteinander verbracht, ihre wahren Freunde hatte ich jedoch nie kennengelernt … zu sehr war ich in Lórien „die Nichte der Herrscherin“ gewesen.

 
Die Zwillinge nahm ich gleich aus dieser Aufzählung aus, da sie obwohl an Lebensjahren zwar älter, doch nur Kinder waren.
Sehr süße, wenn auch manchmal nervige Kinder, doch unter Garantie nicht repräsentativ für meine Beobachtungen.
Ja, ich weiß… hier sprach der Drill meiner Ausbildung aus mir, doch gelernt ist gelernt und manche Dinge legte man einfach nicht mehr ab.

 
Nun war also die erste Nacht, die ich in Gesellschaft von grob gesagt Elben meiner Altersstufe verbrachte und ich muss gestehen, meine natürliche Neugier bracht in mir durch.
Ich trank zwar fleißig Runde um Runde des köstlichen Weines mit, hielt mich aber so weit es ging aus den Gesprächen heraus.

 
Es war das erste Mal, dass ich mit drei Geschwistern zusammen saß – in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gab es so etwas entweder nicht, oder ich hatte mit den betreffenden Geschwistern nie Bekanntschaft gemacht.
Und noch dazu gab es hier zwei völlig identische Brüder, die ich beim besten Willen nicht auseinander halten konnte.

 
Kurz gesagt – ich war fasziniert. Nicht nur, dass die Zwillinge die Sätze des anderen fortsetzten und beendeten, als wären sie eine Person, sie hatten auch die besorgniserregende Gewohnheit, mit Blicken allein scheinbar ganze, stille Gespräche führen zu können, was mir in meiner Zeit in Bruchtal noch das eine oder andere Mal zum Verhängnis werden sollte.

 
Arwen hatte zu ihren Brüdern wohl das, was ich als Traumverhältnis bezeichnen würde.
Die drei verband ein Vertrauen, das nur aus langen Jahren gemeinsames Lebens, Liebens, Leidens und Lachen entstand.
Die liebevollen Scherze und Kosenamen, die in dieser Nacht durch die klare Luft klangen, werde ich wohl auf ewig in meinem Herzen tragen.

 
Und dann war da natürlich noch Glorfindel.
Ruhiger, als die Kinder Elronds und doch mitten im Geschehen; Teil vieler kleiner und großer Geheimnisse und Anekdoten; Vertrauter, Freund, Lehrer, unverkennbar ein Stück dieser Einheit.

 
Wie leicht hätte ich mich ausgeschlossen, störend, als fünftes Rad am Wagen fühlen können, doch genau wie auch ihre Schwester Stunden zuvor nahmen mich auch Elladan und Elrohir mit offenen Armen in ihre Gesellschaft auf, erklärten, was ich nicht verstand oder wissen konnte, fragten, erzählten, lachten mit mir.

 
Und dann kam das Thema auf Aragorn, DEN Dúnadan, wie er hier genannt wurde, und anstatt die Stimmung zu dämpfen, wie ich es insgeheim erwartet und befürchtet hatte, wurde Arwens sicheres Abschiednehmen von allem, was ihr Leben ausgemacht hatte, sollte Aragorn seine Bestimmung erfüllen – wovon alle scheinbar felsenfest überzeugt waren – zwar mit einem Funken Wehmut, aber vor allem grenzenloser Freude entgegen geblickt.

 
Die Tatsache, dass Arwen die Liebe ihres Lebens in dem Mann gefunden hatte, der wie ein Bruder für die Zwillinge war, schein Trost genug zu sein.
Wie Arwen waren auch ihre Brüder und sogar Glorfindel der Meinung, dass es wertvoller war, einige wenige geschenkte Jahre mit der Person zu verbringen, die den Liebenden zu einem vollständigen Elben machte, als die Ewigkeit allein zu überdauern.

 
In dieser lauen Nacht in Bruchtal fiel ein Satz, den ich erst lange Zeit später zum ersten Mal in seiner vollen Bedeutung verstehen und nachvollziehen konnte.
Er kam von Arwen, die mit leuchtenden Augen und in das sanfte Licht des Mondes getaucht aussah, wie ein Göttin, eine Erscheinung aus lang vergangener Zeit.

 
„Auch wenn ich der Abendstern bin, so habe ich doch den Eindruck in seiner Gegenwart heller zu strahlen, als die Sterne.“

 

~oOoOoOo~

 
Einige Stunden und genauso viele Flaschen Wein später steuerten wir fröhlich auf den Höhepunkt der Nacht zu.
Und nein, kein Sex diesmal.

 
Das Gespräch war schlussendlich dort gelandet, wo man unweigerlich hinkommt, wenn man mit drei kampferprobten Kriegern, einer waffenliebenden Elbin und einer soon-to-be Kriegerin am Tisch sitzt – Waffen… um genau zu sein Bögen, da wir die verschiedenen Klingenwaffen schon hinter uns gelassen hatten.

 
Und angetrunken wie wir alle nun mal waren, lief das Gespräch bald auf eine praktische Demonstration unserer Künste hinaus.
Gedacht, getan… wir ließen unser Plätzchen auf einer der Terrassen zurück und zogen frohgemut bis an die Zähne mit Pfeilen und noch mehr Alkohol bewaffnet zur Übungsarena.

 
Klar, dass ich als Neo-Elbin der Vortritt und die Ehre des ersten Schusses hatte… und genauso klar, dass ich so versagte, wie es nur irgend menschen- ähm elbenmöglich war.
Glorfindel ließ nur ein frustriertes Stöhnen von sich hören, als mein Pfeil zielsicher zehn Meter neben der Zielscheibe vorbei schoss und ein einziges Blatt von seinem Stamm trennte, ehe er deutlich hörbar gegen einen Stein klapperte.

 
Und um ehrlich zu bleiben – ich konnte seine Reaktion nachvollziehen, hatte ich doch nicht mal bei meiner ersten Schießübung in Lórien so eine klägliche Performance abgeliefert.

 
Für die Zwillinge und Arwen war das Ganze natürlich ungleich amüsanter und vor allem willkommene Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen.
Nicht nur, dass sie nun Grundlage für unendlich viele Witze auf meine Kosten hatten, sie konnten auch noch Glorfindels Fähigkeiten als Lehrmeister in Frage stellen.

 
Eigentlich ist es ja unnötig zu erwähnen, dass die anderen alle zumindest in die Nähe der Mitte trafen, doch ein gewisser jemand besteht darauf, dass auch dies „der Vollständigkeit halber“, wie er meint, festgehalten gehört, nun, da ich meine Erlebnisse niederschreibe.

 
Auch die nächsten meiner Versuche die Zielscheibe  zu treffen gingen so spektakulär schief, dass ich mich irgendwann dabei ertappte, den anwesenden Elben eine Rede darüber zu halten, dass es doch wohl wesentlich anspruchsvoller und schwerer war, einen Pfeil so fliegen zu lassen, dass er an mehreren Steinen und Statuen abprallte, nur um im Brunnen hinter uns zu landen, anstatt einfach mitten ins Schwarze zu treffen.

 
Der elbische Spieltrieb gepaart mit einigen Litern Alkohol war wohl schuld daran, dass plötzlich alle versuchten, mir mein Kunststück nachzumachen und als ich zum Beweis antrat, dass die Sache doch ganz einfach zu reproduzieren war, geschah das unfassbare: der Pfeil schnellte von der Bogensehne, durchschnitt surrend die Luft und blieb schließlich exakt in der Mitte der Zielscheibe stecken, nicht ohne zuvor den Pfeil Glorfindels, der diese Position bisher inne gehabt hatte, genau in zwei Hälften zu spalten.

 
Zur Folge hatte das eine hitzige Diskussion unter den Elrondkindern, ob man mich besser betrunken oder doch lieber nüchtern auf Mittelerde-Rettungsmission schicken sollte.
Meinen zaghaften Einwänden, dass ich nur unnötig Angst bekommen würde, sollte ich betrunken einer Orkarmee entgegen treten und sie alle doppelt sehen, wurde natürlich kein einziges Mal Aufmerksamkeit geschenkt.
Aber was hatte ich in dieser Angelegenheit schon zu melden? Es war ja nur mein Kopf, den ich dafür hinhalten musste, damit sie gemütlich weiter lebten – und wenn ich schon zu Erheiterung der Valar beitragen konnte, warum sollte ich nicht gleich auch noch Marionette für ein Paar wahnsinnige Elben spielen und als Studienobjekt zum Thema „wie viel Alkohol braucht es, um sich eine Orkarmee schön zu trinken?“ herzuhalten.

 
Oh ja, Alkohol und meine Psyche hatten schon immer seltsame Wechselwirkungen gehabt und das hier war der klassische Fall von „in zwei Sekunden von himmelhoch-jauchzend zu zu-tode-betrübt“.
Am liebsten hätte ich meine Stimmungsschwankungen ja an den noch immer eifrig über mich und meine Trinkgewohnheiten spekulierenden Elben ausgelebt, da ich aber weder mein Schwert zur Hand hatte (und dass ich in meinem Zustand mit Pfeilen nur Glückstreffer fabrizierte hatte ich nun wirklich zur Genüge bewiesen), noch betrunken genug war, um auch nur eine Sekunde zu glauben, Elrond damit zu erfreuen, dass ich ihm seine Kinder unter der Nase wegmordete, entschloss ich mich dazu, einen unauffälligen, taktischen Rückzug aufs Parkett zu legen.

 
Dass mein Verschwinden nicht ganz so dezent, wie erhofft war, merkte ich, als sich zwei starke Arme von hinten um mich schlagen und mich so  zum Stehenbleiben brachten.
“Was ist los?“
“Lass mich einfach alleine…“ oh, das klang ablehnender, als beabsichtigt.
“Was ist los, Lori?“ Glorfindel ließ sich von meinem Tonfall augenscheinlich nicht beeindrucken.
“Nichts…“
“Nichts führt normal nicht dazu, sich heimlich davonstehlen zu wollen.“
“Gott, Elb, du nervst…“ und das klang wesentlich zu sehr nach einem trockenen Schluchzen, als dass es die gewünschte Wirkung hätte haben können.
“Dann sprich mit mir und ich verspreche, das Nerven einzustellen…“
Entgegen aller Absichten rief diese Aussage ein trockenes Lachen meinerseits hervor.
“Als ob du das könntest, du Wahnsinniger…“

 
Ehe ich mich versah hatte der Elb mich herumgedreht und zwang mich,  seinem Blick standzuhalten.
“Nun, aller guten Dinge sind drei – also ein letztes Mal: WAS IST LOS?“
“Ich… ich hab Angst…“ wunderbar… ich wollte doch nicht mehr rumjammern und gerade Glorfindel hatte meine regelmäßig auftretenden Panikattacken schon zu oft miterleben müssen.
“Das Gespräch der Zwillinge?“
Ich nickte. Womit hatte ich diesen Elben nur als Freund verdient? Er verstand mich, ohne, dass ich ihm alles erklären musste, und vor allem ließ er sich nicht von meinen Launen abschrecken.
“Du weißt, dass das nur dumme Scherze waren…“
Wieder nickte ich. „Ja, nur zu viel Alkohol hat die merkwürdigsten Auswirkungen auf meine Psyche. Am Besten, du vergisst das einfach, lässt mich in mein Zimmer gehen und meinen Rausch ausschlafen. Morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus.“
“Ja, morgen, nachdem du dich heute in den Schlaf geweint hast…“

 
Verdammt! Dieser Elb kannte mich eindeutig zu gut.
Kein Protest meinerseits was für Glorfindel scheinbar Antwort und Bestätigung genug.
“Egal, ob du jetzt protestierst, oder darauf bestehst, alleine sein zu wollen, du kommst mit mir mit.“
“Aber…“
“Kein aber, junge Dame! Du kommst jetzt mit und nein, ich verrate nicht wohin.“
“Ja Papa…“ maulend und schmollend ließ ich mich vom Balrogtöter durch Bruchtal ziehen.
Auch wenn der Mann älter war, als Gott, gab ihm das noch lange nicht das Recht, mich wie ein Kind zu behandeln.
Auch wenn ich mir insgeheim eingestehen musste, dass dies vielleicht genau das war, nachdem ich mich sehnte – jemand, der mir einen Teil meiner Entscheidungen abnahm und mir das Gefühl gab, dass es für jedes Problem eine Lösung, oder zumindest Trost und Hilfe gab.

 
Einige Minuten später, in denen mich Glorfindel schweigend durch versteckte Gänge in Hecken, über kleine Plätze und vorbei an wunderschön verzierten Gartenlauben gezogen hatte, erreichten wir unser Ziel.
Ein wunderschöner, versteckter Platz mit einer Hollywoodschaukel-ähnlichen Konstruktion direkt vor einem felsigen Abgrund, über den ein kleiner Strom in die Tiefe viel und sich direkt vor uns in einen weiten See ergoss, ersteckte sich vor uns.

 
Es war atemberaubend, so wie der Elb neben mir, deshalb verwunderten mich Glorfindels Worte nicht sonderlich.
“Das hier ist mein privates Fleckchen Bruchtal. Hier wirst du nie jemand anderen finden, denn außer Elrond weiß sonst niemand den genauen Weg.“
Ohne weitere Umschweife ließ sich der blonde Elb auf der Schaukel nieder.

 
Er bettete seinen Kopf auf die weich gepolsterte Seitenlehne, sodass sich sein langes Haar wie ein goldener Fächer auf dem ganzen Kissen verteilte.
Ein Bein stellte er auf die Sitzfläche, das andere beließ er am Boden, um den Rhythmus der Schaukelbewegung dirigieren zu können.

 
Wie er so da lag und mich aus seinen strahlend blauen Augen auffordernd anblickte, sah er für diesen einen Moment einfach unwiderstehlich aus.
Ich hätte alles dafür gegeben, diesen einen Moment einfach festzuhalten, doch da ich keine Möglichkeit dazu hatte, tat ich das, was mir blieb, um es für immer in mich einzubrennen.

 
Mit leiser Stimme sagte er meinen Namen und ich folgte seiner Bitte.
Langsam schritt ich auf ihn  zu und nahm den freien Platz zwischen seinen geöffneten Beinen ein.
Für diesen Augenblick schien alles perfekt, als ich mich zurücklehnte und von seinem warmen Körper umfangen wurde. Mein Rücken lehnte an seiner Brust und mein Kopf ruhte an seiner Schulter.

 
„Und nun?“
“Jetzt erzählst du mir, was dich bedrückt.“
Geborgen in den Armen des Elben kamen mir meine Gedanken so belanglos vor.
Ich wusste nicht, wo ich anfangen und schon gar nicht, was ich eigentlich sagen sollte.
“Du kennst das Gejammer schon zu Genüge. Du hast es dir schon oft genug anhören müssen…“

 
„Du hast Angst.“
“Ja.“
“Wovor?“
“Zu sterben…“ ich dachte, das wäre alles, doch plötzlich flossen die Worte nur so aus mir heraus „…zu leben… zu verlieren… allein zu sein… hier zu bleiben… zurück zu müssen… euch zu enttäuschen… ich habe Angst vor meinem Schicksal, vor der Zukunft, vor dem Krieg, vor dem Sieg… und vor allem fürchte ich meine Angst.“

 
„Wir werden dich beschützen, Lori. Du bist nicht alleine! Du hast Menschen, Zwerge und Elben, die alles tun werden, um dir zu helfen, die egal, was du tust, an deiner Seite stehen, die du nicht enttäuschen kannst. Wir werden bei dir sein und auf dich aufpassen.“
“Ich weiß, aber wer wird mich vor mir selbst beschützen?“

 
Auf diese Frage erhielt ich lange keine Antwort.
Dies war also der Knackpunkt. Ich hatte Freunde, die mich vor allem beschützen wollten und vermutlich auch konnten, nur einen Faktor konnten selbst sie nicht beherrschen – mich selbst.
Ich war Dreh- und Angelpunkt des Krieges und gleichzeitig seine größte Unsicherheit.
Das Verhalten von Orks, Uruk-Hai, Trollen und sogar das von Sauron selbst konnte man zumindest erahnen, meine Reaktion war das einzig unberechenbare.

 
Ich war zu sehr Mensch, zu unerfahren, zu schwach.
Ich konnte trainiert werden, sogar einige elbische Verhaltensweisen konnte mir beigebracht werden, doch meine Instinkte, meine Furcht, mein Temperament konnte man mir nicht nehmen.
Ich war unsicher, unberechenbar… ich war unser größter Feind.

 
„Nur du kannst dich vor dir schützen. Du hast in dir die Kraft und auch die Willensstärke, diese Aufgabe zu erfüllen, sonst wärst du nicht die Auserwählte. Du hast alles, was du brauchst in dir… Aus großer Kraft folgt große Verantwortung und es ist an der Zeit, dass du diese Verantwortung übernimmst – für dich, für uns, für alles, das du liebst und für all das, was du noch nicht kennst.
Du musst die Herausforderung annehmen. Stell dich deinem Schicksal, nimm es mit beiden Armen auf und lerne es zu lieben.
Lass dich nicht von deiner Angst beherrschen, beherrsche du sie.
Manche Dinge sind unumgänglich und selbst, wenn Tränen unseren weiteren Weg pflastern, müssen wir ihn trotzdem gehen.“

 
Glorfindels Worte hatten mich tief ins Herz getroffen und auch, wenn ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ließen sie mich ein letztes Mal über mein Schicksal weinen, ehe ich meine Zukunft mit beiden Händen ergriff, seine Worte beherzigt, und sie mir untertan machte.
In dieser ersten Nacht in Bruchtal ließ ich unter Tränen mein altes Leben zurück und stellte mich meiner Verantwortung.


„In einem meiner Lehrbücher daheim stand ein Satz, den ich bis heute nicht verstanden habe… 'man muss sich selbst vernichten, um wiedergeboren zu werden’… und ich verstehe, Glorfindel, ich verstehe es jetzt…“
Meinen Kopf auf seine Schulter zurückfallen lassend, vergrub ich mein tränennasses Gesicht in der warmen Haut seiner Halsbeuge und ließ mich von seinen Armen gehalten sanft in den Schlaf und ein neues Leben schaukeln.


cat132

Date: 2005-09-28 09:41 pm (UTC)
From: (Anonymous)
HI:O)

wie schön.. das es endlich wieder weitergeht mit mittelerde.. ich muß mal wieder über deinen humor, und auch deine wundervollen versuche dich "klein" zu machen lachen. .O) deine kleine.. lebt und atmet.. sie ist einfach wundervol.. verletzlich, und doch so voller zweifel an sich selber, nicht wissend was für ein potential in ihr schläft.. die szene mit dem pfeilwettschießen war , wundervoll.. .O) ach, ich mag sie einfach alle, deine gestalten und tolkin wäre stolz auf dich, wie du so seine gedanken weiterspinnst .)
mach bitte weiter so..

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